Gestern hatte ich die Tarotkarte „Ritter der Schwerte“ in meiner Hand gezeichnet und war dann zu einem Besuch gefahren.
Heimkommend fand ich Philippe im dunklen Garten, wie er einen Löwen zähmte (hier).
Und ich versprach eine Forsetzung. Dafür muss ich ein wenig ausholen.
Mein gestriger Besuch betraf die Mutter zweier Knaben, die sie vor drei Monaten zur Welt brachte. Sie hatte sich, obgleich schon über die 40, heiß Kinder gewünscht und sich zu einer künstlichen Befruchtung unter Verwendung fremder Eizellen entschlossen, während ihr Mann den Samen spendete.
Seit der Entbindung sind drei Monate vergangen. Jetzt bat sie mich um Hilfe. Gestern sah ich die beiden entzückenden und sehr gut gehaltenen, gesunden Jungen zum ersten Mal. Was konnte es da für ein Problem geben?
Ich erfuhr: Sie kann die Kinder nicht akzeptieren. Das begann schon am Tag der Befruchtung. Sie fühlte sich durch das Verhalten der Ärzte betrogen und witterte Missbrauch der unbekannten Spenderin der Eizellen. Sie war sehr zornig, und das blieb auch während der schwierigen Schwangerschaft so. Das „bonding“ – also die Herstellung einer emotional positiven Beziehung zu den Neugeborenen – ist ihr nicht möglich. Und sie fürchtet, übrigens zu Recht, dass die Kinder das merken, auch wenn sie äußerlich ihre Pflichten als Mutter hundertprozentig erfüllt. Das Gefühl der Entfremdung ist so stark, dass sie Momente hat, wo sie Mann und Kinder verlassen möchte.
Hier war Hilfe dringend nötig. Aber wie?
Ich machte mehrere Anläufe, um sie von ihrer Fixierung auf das ihr zugefügte „Unrecht“ zu lösen, aber es gelang mir nicht wirklich. Zum Schluss sagte ich, sie und mich tröstend: „Es braucht oft Zeit und Geduld, bis eine Mutter ihre Neugeborenen liebt. Es sind ja Fremde, und Tag für Tag, Schritt für Schritt werden sie bekannter, bis man sie am Ende sehr liebt und sie gar nicht mehr missen kann. Es ist ein bisschen so wie beim kleinen Prinzen und der Rose und dem Fuchs. Kennst du den Kleinen Prinzen“? Da leuchteten ihre Augen auf und sie sagte: „Ja, das Buch hab ich! und ich liebe es sehr!“ Und ihr Mann sagte: „Während der Schwangerschaft (sie musste ständig liegen) habe ich ihr daraus oft vorgelesen.“ Sie zeigten mir auch den Entwurf zur Einladung zur Taufe, den sie mithilfe eines digitalen Programms gezeichnet hatten. Da sieht man zwei kleine Prinzen, den Fuchs, die Rose, das Schaf und sonst noch allerlei.
Als ich das hörte und sah, wie sich die Wangen der Mutter röteten, fühlte ich erstmals ein wenig Zuversicht. Sie wird es schaffen, die Kinder zu lieben! Und die Kinder werden eine vollwertige Mutter haben!
„Lies täglich in dem Buch und denke darüber nach“, riet ich ihr. „Und habe Geduld mit dir. Der Kleine Prinz verließ seine Rose, er floh, weil ihm dies und das an ihr nicht passte. Dann entdeckte er, dass er sie liebte. Der Fuchs erklärte ihm, warum. Jeden Tag, den du mit den Kleinen verbringst, jeden Dienst, den du ihnen erweist, wird dich ihnen ein Stück näher bringen. Am Ende wirst du sie lieben.“
Von diesem Erlebnis wollte ich Philippe gleich erzählen, als ich heimkam. Dort fand ich ihn bei der Zähmung eines Löwens.
Sofort fiel mir die Tarotkarte „Die Kraft“ ein, denn auch da geht es um die Zähnung eines Löwen.
Gestern hatte ich den „Ritter der Schwerter“ gezeichnet, der eine intellektuelle, rückwärtsgerichtete Kraft zeigt. Ich hatte sie rein zufällig aus dem Stapel gezogen und verstand nicht, was sie mir sagen wollte. Nun aber verstehe ich:
Das Problem der Mutter steckt im Kopf: sie ist wütend über etwas, was zu Beginn ihrer Schwangerschaft geschah, und seither rast sie mit wilder Entschlossenheit immer wieder zurück zu dieser Verletzung. Ihr Kopf will „Gerechtigkeit“, und darüber verliert sie die Verbindung zu ihrem Herzen. Ich kann ihr und den Kindern nicht helfen, indem ich ihr Kopfdenken korrigiere.
Die Zähmung des Löwen heißt nichts anderes, als die rotglühende Kraft des Herzens in sich zu erwecken und zu integrieren. Grau ist der Himmel des Verstandes, der den Feind längst vergangener Gefechte immer noch analysiert und bekämpft. (Auf meiner Zeichnung erscheint der Himmel blau, aber das ist ein Fehler des Fotos: er ist grau). Der Himmel über der Herzenszähmerin aber ist golden.
Ich zeichnete die Karte ins 30. Kalenderblatt.
„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum!“ (Goethe, Faust I).









Jetzt habe ich zwar keine Dora mehr, aber die Nachbarn haben mir erlaubt, Früchte von ihrem Baum zu ernten, was ich auch tue, sobald ich an ihrem Zahn vorbei komme. Sie sind ein ausgezeichneter Proviant auf Wanderungen: vitaminreich, durstlöschend und schmackhaft.




